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Helmuth Waasem
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Kurzer
Abriss der Nationalökonomie
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Nationalökonomie
ist,
wenn die Leute sich wundern,
warum sie kein Geld
haben.
Das hat
mehrere Gründe,
die feinsten sind die wissenschaftlichen Gründe,
doch können solche durch Notverordnungen aufgehoben werden.
Über die
ältere Nationalökonomie
kann man ja nur lachen und
dürfen wir
selbe daher mit
Stillschweigen übergehn.
Sie regierte von 715 vor Christo
bis zum Jahre 1 nach
Marx.
Seitdem ist die Frage völlig gelöst:
die Leute
haben zwar immer
noch kein Geld,
wissen aber wenigstens, warum.
Die Grundlage aller
Nationalökonomie ist das sog. >Geld<.
Geld ist weder ein
Zahlungsmittel
noch ein Tauschmittel,
auch ist es keine Fiktion,
vor allem
aber ist es kein Geld.
Für Geld kann man Waren kaufen,
weil es Geld ist,
und es ist Geld,
weil man dafür Waren kaufen kann.
Doch ist diese Theorie
inzwischen fallen gelassen worden.
Woher das Geld kommt,
ist unbekannt.
Es
ist eben da bzw. nicht da - meist nicht da.
Das im Umlauf befindliche
Papiergeld
ist durch den Staat garantiert;
dieses vollzieht sich
derart,
daß jeder Papiergeldbesitzer
zur Reichsbank gehen
und dort
für sein Papier Gold einfordern kann.
Das kann er.
Die obern Staatsbankbeamten
sind gesetzlich verpflichtet,
Goldplomben zu tragen,
die für das
Papiergeld haften.
Dieses nennt man Golddeckung.
Der Wohlstand eines
Landes beruht
auf seiner aktiven und passiven Handelsbilanz,
auf
seinen innern und äußern Anleihen
sowie auf dem Unterschied
zwischen
dem Giro des Wechselagios
und dem Zinsfluß der Lombardkredite;
bei
Regenwetter ist das umgekehrt.
Jeden Morgen wird in den Staatsbanken
der
sog. >Diskont< ausgewürfelt;
es ist den
Deutschen
neulich gelungen,
mit drei Würfeln 20 zu trudeln.
Was die
Weltwirtschaft angeht,
so ist sie verflochten.
Wenn die Ware den
Unternehmer durch Verkauf verlassen hat,
so ist sie nichts mehr wert,
sondern ein Pofel,
dafür hat aber der Unternehmer das Geld,
welches
Mehrwert genannt wird,
obgleich es immer weniger wert ist.
Wenn ein Unternehmer
sich langweilt,
dann ruft er die anderen
und dann bilden sie einen
Trust,
das heißt;
sie verpflichten sich,
keinesfalls mehr zu produzieren,
als
sie produzieren können
sowie ihre Waren nicht unter Selbstkostenverdienst abzugeben.
Daß der Arbeiter
für seine Arbeit auch
einen Lohn haben
muß,
ist eine Theorie,
die heute allgemein fallengelassen worden ist.
Eine wichtige Rolle
im Handel spielt der Export.
Export ist,
wenn die anderen kaufen
sollen,
was wir nicht kaufen können;
auch ist es unpatriotisch,
fremde Waren zu kaufen,
daher muß das Ausland einheimische,
als deutsche Waren
konsumieren,
weil wir sonst nicht konkurrenzfähig sind.
Wenn der Export
andersrum geht,
heißt er Import,
welches im Plural eine Zigarre ist.
Weil
billiger Weizen ungesund
und lange nicht so bekömmlich ist wie teurer
Roggen,
haben wir den Schutzzoll,
der den Zoll schützt
sowie auch die
deutsche Landwirtschaft.
Die deutsche Landwirtschaft wohnt
seit
fünfundzwanzig Jahren am Rande des Abgrunds
und fühlt
sich dort ziemlich wohl.
Sie
ist verschuldet,
weil die Schwerindustrie ihr nichts übrig
läßt,
und die Schwerindustrie ist nicht auf der
Höhe,
weil die Landwirtschaft ihr
zu viel fortnimmt.
Dieses nennt man den Ausgleich der Interessen.
Von
beiden Institutionen werden hohe Steuern gefordert,
und muß der
Konsument sie auch bezahlen.
Jede Wirtschaft
beruht auf dem Kreditsystem,
das heißt auf der irrtümlichen Annahme,
der andere werde gepumptes Geld
zurückzahlen.
Tut er das nicht,
so
erfolgt eine sog. >Stützungsaktion>,
bei der
alle,
bis auf den Staat, gut
verdienen.
Solche Pleite erkennt man daran,
daß die Bevölkerung
aufgefordert wird,
Vertrauen zu haben.
Weiter hat sie ja dann auch meist nichts
mehr.
Wenn die Unternehmer
alles Geld
im Ausland untergebracht haben,
nennt man dieses den Ernst der
Lage.
Geordnete Staatswesen
werden mit einer solchen Lage leicht fertig;
das ist bei ihnen nicht so wie in den kleinen Raubstaaten,
wo
Scharen von Briganten die notleidende
Bevölkerung aussaugen.
Auch die
Aktiengesellschaften
sind ein wichtiger Bestandteil der
Nationalökonomie.
Der Aktionär hat zweierlei wichtige
Rechte:
er ist der,
wo das Geld
gibt,
und er darf bei der Generalversammlung
in die Opposition gehen
und
etwas zu Protokoll geben,
woraus sich der Vorstand
einen sog. Sonnabend
macht.
Die Aktiengesellschaften
sind für das Wirtschaftsleben
unerläßlich:
stellen sie doch die Vorzugsaktien
und
die Aufsichtsratsstellen
her.
Denn jede Aktiengesellschaft hat
einen Aufsichtsrat,
der
rät,
was er eigentlich beaufsichtigen soll.
Die Aktiengesellschaften
haftet
dem Aufsichtsrat
für pünktliche Zahlung
der Tantiemen.
Diejenigen Ausreden,
in denen gesagt ist,
warum A.-G.
keine Steuern bezahlen
kann,
werden in einer sogenannten
>Bilanz< zusammengestellt.
Die Wirtschaft
wäre keine Wirtschaft,
wenn wir die Börse nicht
hätten.
Die Börse dient
dazu,
einer Reihe aufgeregter Herren
den Spielklub und das Restaurant zu
ersetzen.
Die Börse sieht jeden Mittag die Weltlage an:
dies richtet sich nach
dem
Weitblick der Bankdirektoren,
welche jedoch meist nur bis zu ihrer
eigenen Nasenspitze sehn.
Schreien die Leute auf der Börse
außergewöhnlich viel,
so nennt man das:
die
Börse ist fest.
In diesem Fall kommt -
am nächsten Tage - das Publikum gelaufen
und engagiert sich,
nachdem
bereits das Beste wegverdient ist.
Ist die Börse schwach,
so ist das Publikum
allemal dabei.
Dieses nennt man Dienst am Kunden.
Die Börse
erfüllt eine wirtschaftliche Funktion:
ohne sie
verbreiteten
sich neue Witze
wesentlich langsamer.
In der Wirtschaft
gibt s auch noch
kleinere Angestellte und Arbeiter,
doch sind solche von der
neuen Theorie längst fallen gelassen worden.
Zusammenfassend kann
gesagt werden:
die Nationalökonomie ist die Metaphysik des
Pokerspielers.
Ich hoffe, Ihnen mit
diesen Angaben gedient zu haben,
und füge noch hinzu,
daß sie so
gegeben sind wie alle Waren,
Verträge,
Zahlungen,
Wechselunterschriften
und sämtliche anderen
Handelsverpflichtungen -:
also
ohne jedes Obligo.
Kurt
Tucholsky
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