Eine Seite des
Proletarierschicksals aller Länder wird niemals beschrieben
- nämlich
die Tragik, die darin liegt, daß der Proletarier nie allein
ist.
So ist sein Leben:
Geboren wird er im
Krankenhaus, wo viele Mütter kreißen, oder in einem
Zimmer,
wo ihn gleich die Familie mit ihrem Anhang,
den Schlafburschen,
umwimmelt,; so wächst er auf, und es ist noch eine
bessere Familie, wo
jeder sein eigenes Bett hat; alle aber, die so leben,
leben
ständig das Leben der anderen mit und sind nie allein. So ist
seine
Welt; sein Haus hat
viele Höfe, und unzählige Familien wohnen hier,
kommen
und gehen, schreien
und rufen, kochen und waschen, und alle hören alles,
jeder nimmt am
Schicksal des anderen auf die empfindlichste Art teil, in
der dies
möglich ist: nämlich mit dem Ohr. Das Ohr des
Proletariers lernt
Geräuschlosigkeit nur in der Einzelhaft kennen.
Im Maschinensaal
arbeitet er mit den andern; im Stollen mit der
Belegschaft; am Bau
mit den andern - nie ist er allein. Zu Hause nicht -
nie ist er allein.
Noch, wenn er stirbt, stirbt er entweder in so einem
schmierigen Loch
oder im Krankenhaus - und ist auch dann nicht allein.
Man sage nicht,
da� die Leute dies gewöhnt seien" - das erinnert an
den
Ausspruch jenes
Kellners, der da beim Austernservieren sagt:
Ja, die
Austern sterben
sofort, wenn man die Schale öffnet. Aber sie sind das
gewöhnt!"
An so ein Leben, in dem man nie allein ist, gewöhnt man sich
nicht; man lebt es
bitter zu Ende.
Das hat gar nichts
mit einem falschen Bürger-Ideal zu tun; Kollektivität
und
Solidarität stehen auf einem andern Blatt. Die
französischen Bauern
umgeben ihre
Besitzungen gern mit einer hohen Mauer; deutsche Kleinsiedler
haben eine immense
Vorliebe für den Zaun, weil er ihnen Symbol für das
Eigentum ist... die
neue Generation in Rußland hat ein neues
Lebensgefühl
in die Welt gerufen
und ist sich vielleicht weniger feind, als das sonst
unter Menschen
üblich ist. Klassengenossen sollen solidarisch sein und
kollektiv arbeiten
und leben, gewiß. Aber gibt es ein menschliches Wesen,
das da mehr sein
will, als nur Arbeitsmotor, Fortpflanzungsapparat und
Verdauungsmaschine,
und das nicht den Wunsch hätte, einmal, nur ein
einziges Mal, allein
zu sein?
Hier liegen nicht
nur die Körper zusammen - hier dünsten auch die
Seelen
aus, und weil
für keine Platz genug da ist, so ziehen sie sich zusammen
und werden beengt,
bedrängt, manchmal klein.
Wieviel Mut, wieviel
Energie gehört dazu, um unter so niedriger Decke noch
zu hoffen, zu
arbeiten, den Gedanken des Klassenkampfes nicht trübe
verglimmen zu lassen!
Die Frau, die Kinder
- auch sie nie allein.
Der Mensch von 1929
ist nicht mehr allein wie auf einer Ritterburg oder in
einer
Eremitenklause. Wie die Waben sitzen die Wohnungen in den
Mietshäusern beieinander -
Ist der Proletarier
nicht sehr stark, ist er nicht durchdrungen von dem
Gedanken,
für seine Klasse zu kämpfen, dann entsteht eben jene
Welt:
Drittes Quergebäude, rechts, zweiter Hof"... In dem ewig
dunkeln Gang
hängen
nicht nur die Eimer an den Wänden, an diesen Wänden
klebt auch
zäher
Klatsch, Niedrigkeit, die aus der Not kommt, die Menschen knurren
sich an, weil sie zu
nah aneinanderwohnen - wie kümmerlich die Versuche,
in solchen
Ställen so etwas wie ein "Heim" aufzubauen. Das muß
dem
Nächsten
abgerungen werden, und es wird ihm abgerungen, unter steten
Kämpfen,
unter Seelenqual und Bitternis. Nie sind diese Leute allein.
Lebt der deutsche
Arbeiter so -?
Ein großer
Teil lebt so und tut seine Arbeit und hat Sehnsucht nach einem
andern Leben und
quält und schindet sich und ist nie allein.
Kurt
Tucholsky
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