Pariser Weihnachten
Der
»Père Noël« wird merkwürdigerweise immer populärer – so ist das früher
nicht gewesen. Denn früher war es der Neujahrstag, der »Jour de l'An«,
an dem man sich Geschenke machte. Wohl fanden am ersten Weihnachtstag
die französischen Kinder Geschenke in ihren Schuhen, die sie am Kamin
aufgebaut hatten – aber der Tannenbaum war natürlich nicht da, die
Weihnachtskerzen auch nicht, und überhaupt nichts von dem, was
seinerzeit auf deutscher Seite den großen Krieg mit beenden half:
Weihnachten zu Hause zu feiern. (Doktorarbeit: »Das deutsche
Familiengefühl in der Weltgeschichte.«) Das also hat es alles in
Frankreich früher nicht gegeben – aber jetzt ist da langsam eine
Wandlung eingetreten. Die großen Warenhäuser veranstalten
Weihnachtsausstellungen, deren Schaufenster schon auf den Straßen
umlagert sind; Barrièren sind errichtet, Schutzleute regeln den
Verkehr, und die Kinder bekommen Blitzaugen, in denen sich
Geblendetheit, Habsucht und Zauberstimmung gar anmutig mischen. Es ist
wohl der englischamerikanische Einfluß, der Paris so wandelt; langsam
geht diese Wandlung vor sich, sachte, Schritt vor Schritt,
unerbittlich. Es gibt französische Nachahmungen des englischen
Christmas-Pudding, vor denen uns Gott behüten möge, und die Sitte,
Weihnachten anders zu begehen als früher, nimmt zu. Da stehen schon
Tannenbäume auf den Straßen, hauptsächlich im Fremdenviertel, also um
die Madeleine herum – das Warenhaus am Louvre hat sich eine sehr gute
Lichtreklame ausgedacht: an seiner Fassade am Palais Royal, in dem das
»Institut pour la Coopération Intellectuelle« wohnt, steigen
ununterbrochen Raketen auf und zerplatzen in bunter Lichterfülle – eine
Sache, die sehr viel Geld gekostet haben muß. Aber es kommt wieder
herein. Die Warenhäuser sind voll; die mäßig bezahlten Angestellten
haben zu tun, dass ihnen der Kopf schwirrt, und obgleich die
Inflations-Fremden abgewandert sind, gehen diese Art Geschäfte – im
Gegensatz zu fast allen anderen, die recht still sind – gut, sogar sehr
gut.
Die Restaurants rüsten zum »Réveillon«. Das ist das
traditionelle Festessen in der Silvesternacht. Zu Silvester liegen die
Boulevards fast leer; alle Welt ist zu Hause oder in den Restaurants,
wo das Essen besonders teuer und besonders mäßig ist. Da es kein
französisches Wort für »gemütlich« gibt, so fehlt auch der Begriff –
und es ist immer wieder merkwürdig, zu beobachten, wie sich um einen
Tisch jene undefinierbare Atmosphäre herstellt, »où on s'installe«,
jeder Tisch eine kleine Heimat. »Réveillon« ist eine Sache, die ganz
Paris für ein paar Stunden verändert – am 1. Januar sinkt es wieder in
seine Gewohnheiten zurück; in die bewegte Stille seiner Quartiers, die
kleine abgeteilte Städte sind – alles wird wieder so, als wäre nichts
gewesen.
Doch, etwas war. Im ganzen Monat Dezember klingelt ein
Mann nach dem anderen an der Wohnungstür, Köpfe von Frauen tauchen auf,
Leute, die man das ganze Jahr über nicht zu Gesicht bekommt, sind
plötzlich da. Sie bitten um die »étrennes«, um das Weihnachtsgeld, um
das Neujahrsgeld, wie man will. Der Briefträger. Die Zeitungsfrau. Die
Bäckerjungen. Der Mann von der Müllabfuhr. Der Telegrafenbote. Der
Drucksachen-Briefträger. Der eingeschriebene Briefträger. Der
Postminister war merkwürdigerweise nicht da ... Wohl aber: Seine
Majestät, der Herr Hausmeister. Der Concierge. Frankreich ist ein
freies Land, sagen die Leute. Das mag, für viele Gebiete, richtig sein.
Daß sich aber eine Stadt wie Paris Tyrannei dieser Hausmeister gefallen
läßt, ist etwas, das ich – auch nach jahrelangem Aufenthalt in dieser
schönen Stadt – niemals begriffen habe. Er bittet nicht um die
»étrennes« – er verlangt sie, traulich, auf die unsichtbare Pistole
gelehnt, die jeder Mieter kennt. Denn jeder pariser Hausmeister ist ein
Beobachter deines privaten Lebens. Er weiß alles. Durch ihn gehen alle
Briefe. Er fängt deine Besuche ab. Er kann dich so maßlos schikanieren,
dass es besser ist, du ziehst aus, als einen vergeblichen Krieg zu
führen, den du unweigerlich verlierst. Und von seinen Beziehungen zur
Polizei will ich gar nicht sprechen. Doch, ich will davon sprechen.
Eine mir befreundete Engländerin fand in ihrem »dossier«, in ihrem
Aktenstück, das über alle Fremden und über alle wichtigen Franzosen auf
der Polizei geführt wird, diese kleine Eintragung: »Empfängt viele
Leute von Welt, schläft aber nur mit einem dekorierten Herrn ... «
folgte der Name. Für jeden Kenner war klar, woher diese Angabe stammte.
Vom Hausmeister. Aus Glas sind deine Wände, dein Privatleben ist
keines, er bringt es an den Tag. Hüte dich! Und gib ihm – und vor allem
ihr – reichlich zu Weihnachten, zu Silvester und zu Neujahr. Es ist
dein Vorteil; man kann nie wissen; hörst du die Butter auf deinem Kopf
schmelzen?
Um all das kümmert sich die französische Provinz so
gar nicht – wie ja überhaupt die französische Provinz von Paris
himmelweit verschieden ist. Einer der bedeutendsten französischen
Literaturkritiker, Thibaudet, hat neulich einmal gesagt: »In Paris wird
das Geld ausgegeben. In der Provinz wird es verdient.« Ah, es wird
nicht nur verdient: es wird Billet auf Billet gelegt, Geiz ist das
Nationallaster, und hier sehen die Leute nie nach dem aus, was sie wert
sind. Man möchte ihnen häufig einen Groschen schenken. Aber sie, sie
könnten dir etwas schenken. Sie tun es übrigens nicht.
Nun kommt
Weihnachten; mit einer kühnen Sprachwendung sagt man: »Nous allons
réveilloner!«, und wer klug ist, kocht sich seins zu Hause. Wir wollen
einen mild-spritzigen Vouvray trinken, einen Wein, den sie nicht
exportieren, und in dem ganz Frankreich ist: milde Süße, Sonne und die
Ausgeglichenheit einer fröhlichen Welt.
Peter Panter
Prager Tageblatt, 25.12.1927
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