Wie wäre es, wenn man einmal einen dämlichen kleinen
Trick
aus unseren Politik entfernte, der darin besteht, jeder grade an der
Macht befindlichen Partei vorzuwerfen, sie betreibe Parteiwirtschaft -?
Ja, was soll sie denn eigentlich sonst betreiben -?
Das Wohl der Allgemeinheit..., ich weiß schon. Aber ich
möchte nur einmal wissen, wozu denn Wahlen und Propaganda und
Parteikampf da sein sollen, wenn nicht zu dem alleinigen Zweck, eine
Partei an die Macht zu bringen. Und wenn sie dort angekommen ist, was
hat sie zu tun? Natürlich ihre Macht zu gebrauchen. Das haben
alle
Parteien begriffen, mit Ausnahme der SPD, der man sehr zu Unrecht den
Vorwurf macht, sie mißbrauche ihre Machtstellung. Sie hat gar
keine. Es mag ja sein, daß die Pöstchenverteilung
für
ihre Mitglieder angenehm ist - ihre Macht hat sie nie richtig benutzt:
sie hat stets nur Kompromisse gemacht, und die zu ihrem Schaden. Sind
die Rechten an der Macht, so benutzen sie ihre Macht, und sie tun recht
daran. Und das Zentrum... aber das ist ja in Deutschland immer an der
Macht. Die Zeitungen kreischen gegen Moskau, und das Land wird von Rom
regiert.
Doch sollte man mit jener tiefen Unehrlichkeit aufhören, jeder
Regierung vorzuwerfen, sie sei eine Parteiregierung. Natürlich
ist
sie das, und das soll sie auch sein. Daß aber in Deutschland
der
Begriff „Partei" bis auf das Rinnstein-Niveau gesunken ist,
das
ist eine andre Sache, und hier sollte man zupacken. Der Rest ist
Heuchelei.
Das Niveau, auf dem sich die meisten deutschen politischen Debatten
bewegen ist kaum noch zu unterbieten. Sieht man von einigen
Jugendbünden ab, die sich, besonders sehr weit rechts und sehr
weit links, ernsthaft um einen gesunden Kampf bemühen, das
heißt, die den Gegner nicht bagatellisieren und ihn nicht
fortdisputieren, sondern die wirklich antreten - dann bleibt ein Meer
von Lügen. Man sehe sich etwa, wenn man die Geduld dazu
aufbringt,
diese unsägliche Hitlerpresse an: wie das der Regierung
vorwirft,
das Land nach Prinzipien zu regieren, also genau das zu tun, was jene
tun wollen. Es ist mehr als jämmerlich, was da getrieben wird.
Zu bekämpfen ist allein die Parteiwirtschaft, die sich nicht
offen
als solche bekennt, sondern die vorgibt, für das
große Ganze
zu arbeiten, so, wie die katholische Kirche gern >die
Natur<
vorschiebt, wenn sie ihr Dogma meint. Sagt, was ihr wollt, und sagt,
was ihr tut, wenn ihr an der Macht seid. Euch dann noch
Parteiwirtschaft vorzuwerfen, ist die Negierung jeder Politik.
Kurt
Tucholsky
|